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Ausstellung Anne Moderegger Malerei

Kunstforum Jörk Kalkreuter 02.11.2013


Liebe Freunde von Anne Moderegger, liebe Freunde der Kunst,

herzlich willkommen im Kunstforum Jörk Kalkreuter zur Ausstellung „Malerei“ von Anne Moderegger. Es ist die dritte Austellung von Anne Moderegger an diesem Ort -

2009 sahen wir „Natura morta – Natura viva“ eine Schau mit Stillleben-Malerei, 2010 „Menschenbilder – Portrait-Malereien“.

Heute sehen wir Umgebungen und Situationen von Menschen - mal mit, mal ohne Menschen. Und einigen Menschen „von früher“ begegnen wir auch wieder

Wie bei den Portraits stammen auch die Ausgangsimpulse dieser Arbeiten von Fotografien z.B. von Henri Cartier Bresson, August Sander und anderen. Sie gaben den Rohstoff für die Bildthemen.

Jörk Kalkreuter sagt dazu:

„Anne Modereggers Art, auf diesen Rohstoff zu reagieren und die dann folgende Verarbeitung durch den malerischen Prozess führt überzeugend zur Realität ihrer Kunst.

Es geht NICHT um die Nachahmung der Fotographie mit anderen Mitteln. Entscheidend ist das Erleben des Motivs, um eine Widergabe des Empfindens durch die Malerei zu einer neuen Erscheinungsform zu bringen. Die Stimmung des Motivs wird durch die spezifischen Möglichkeiten der Malerei, verdichtet durch die Wahrnehmung der Künstlerin, neu interpretiert.

So sind beide Realitäten präsent – die impulsgebende Fotografie mit ihrem Motiv und die persönliche Deutung des ausgelösten Impulses durch die Malerin.

Die gestische und farbliche Kraft dieser Bilder sind ein getreues Spiegelbild der Persönlichkeit Anne Modereggers. Sie sind authentisch in ihrer Art und von einer elementaren Wucht.“

In einem Gespräch benennt Anne Moderegger, was ihr beim Malen wichtig ist:

Sie will keine Botschaft an den Betrachter vermitteln. Ihr geht es darum, „sich selbst und die Bilder gegen den Strich zu bürsten“ das heißt ständiges Lernen, frei werden, damit Neues entstehen kann.

Anne Moderegger hat viele Stillleben und Porträts von Menschen gemalt und dann

festgestellt: Das kann ich! Naheliegend wäre es, jetzt in die Produktion vieler Bilder einzusteigen und an Feinheiten zu feilen. Das Fazit von Anne Moderegger lautet: „Abgeschlossen. Jetzt wird Neues erprobt, das vorher noch nicht war.“

Im Arbeitsprozess ergaben sich neue Fragen und daraus folgende Forschungsaufgaben: Wie ist es, wenn ich keine Menschen mehr male?

In einer Art Versuchsanordnung ging es jetzt in den Bildern um Umgebungen von Menschen, nicht die Menschen selbst, Szenen, Gebäude, Teile von Gebäuden erscheinen in den Malereien – und Menschen in Situationen.

Diese Ausstellung zeigt einige Ergebnisse dieses Arbeits- und Erforschungsprozesses.

Einiges sehen auch wir als Betrachter sofort: Es fällt z.B. auf, dass bei diesen Bildern die Farben sehr zurückhaltend sind.

Diese hier gezeigten Bilder stellen einen Zwischenstand, eine Etappe auf dem Weg der malerischen Erkundungen von Anne Moderegger dar.

Der Arbeitsprozess ist mittlerweile in andere Richtungen weitergegangen:

Aktuell sieht man im Atelier bei Anne große Farbflecken, die sich im Laufe des Tages und der Tage sehr stark verändern. Sie hat sich auch von den Szenen und Umgebungen und den „Abstraktionen von etwas“ gelöst.

Bei den aktuellen Forschungen geht es um Möglichkeiten von Malerei.

FARBE steht jetzt im Mittelpunkt und die Frage: Was macht Farbe? Welche Formen ergeben sich aus den Farben?

Also ein echtes Neuland für Anne Moderegger, die ja aus dem Zeichnen kommt, immer schon gezeichnet hat und das sehr gut kann.

Eine kleine Anekdote mag das deutlich machen:

Ein Strauß Gladiolen war Annes das erstes Motiv hier im Atelier. Die Blüten waren „ratz fatz fertig“ und alle waren zufrieden. Dann kamen die Stiele dran… Gezeichnet waren die schnell und recht gut. NUR: Wie MALT man die ??? Gemalt hat Anne an den Stielen fast ein halbes Jahr.

Wie geht es weiter?

Anne Moderegger sagt dazu: „Es geht mir zurzeit nicht darum, dem Betrachter etwas zu sagen, Botschaften zu vermitteln. Es geht mir um verschiedene Schritte in der eigenen Entwicklung. Später dann möchte ich mit dem jetzt erarbeiteten die Inhalte darstellen, die mir wichtig sind. In einer nächsten Etappe möchte ich Gegenständliches und die neuen Erfahrungen mit der Farbe zusammenbringen. Es wird auch wieder Menschenbilder und Portraits geben. Und sie werden anders sein“.

Wir laden Sie herzlich ein zu einer Ausstellung einer Etappe auf dem Weg der Malerin Anne Moderegger, die mittlerweile schon ein ganzes Stück weiter gegangen ist.

Und wir freuen uns schon auf die Bilder der nächsten Ausstellung.

Elke Fontaine

 




Ariane Holz

Druck und Skulptur - Eine Wechselwirkung

Vernissage am 07.09.2013, 17 Uhr, Ausstellungsdauer bis 20.09.2013

 

Zu den Arbeiten von Ariane Holz

Überraschend kraftvoll ist die Eigenständigkeit der Bildfindungen. Es gibt keine Absicherung in traditionellen Äußerungsformen, insofern auch keinen historischen Rückhalt. Dies ist ein offenes Spiel mit der Materie, Gips, Zement, Papier, Tinte, Druckfarben und Wachs in verschiedenen Aggregatzuständen und ist die Grundlage für den Prozess der Bildfindung.

Die Sensibilität im Umgang mit der Materie setzt ein erstaunliches ästhetisches Potential frei. Es entstehen Dinge, denen kein Name zu geben ist, weil jede Anbindung an gekannte Wirklichkeit fehlt. Diese Dinge fordern zu schauen, zu staunen, sich dem Erleben dieser Realität zu überlassen. Diese Wirklichkeit ist reich an stofflichen, fühlbaren Eigenschaften, sie fordert geradezu zum Berühren heraus. Trotz dieser Animation sollten die Dinge nicht berührt werden, zu filigran, zu spröde im Material und damit bruchanfällig sind sie.

Raumergreifung ist eine auffällige Eigenschaft dieser Dinge. Sie bleiben nicht passiv als in-sich-gekehrte Skulptur, nein, sie agieren miteinander und in den freien Raum hinein. Manche scheinen Wege zu gehen oder sich in Sprüngen fortzubewegen, oft liegt eine Anmutung von Eigensinn in ihrem Erscheinungsbild.

Überhaupt ist der Eigensinn eine hauptsächliche Komponente dieser Kunst. Hier wird nichts dargestellt, interpretiert oder reflektiert, sondern die Dinge haben ihren eigenen Sinn, den  der Betrachter aufzuschließen hat, um ihrer Existenz in vollen Umfang teilhaftig zu werden.

Der Raum, in diesem Fall der Ausstellungsraum, wird vielschichtig durch diese Dinge: gedruckte Bewegung, ausgegossene, erstarrte Realität trifft auf schwingende Stofflichkeit, im Raum schwebt Materie und so sind es etliche Aspekte mehr. Die Zumutung, die der Anspruch des Aufschließens enthält, ist beträchtlich. Aber  gleichzeitig ist es unendlich bereichernd, sich auf diesen sich bildenden Kosmos eines Menschen einzulassen.

Um noch einmal auf den Titel der Ausstellung „Druck und Skulptur eine Wechselwirkung“ zu sprechen zu kommen. Hier wird die Beziehung zweier Bildmedien tatsächlich zu einer konkreten Wechselwirkung. So dienen zum Beispiel Druckstöcke, Linoleumplatten, die zu tütenartigen Formen gebogen werden, als Gussform zur Herstellung von Skulpturen. Diese wiederum werden belegt mit Druckfahnen und gehen so eine Symbiose zwischen Druckgrafik und Skulptur ein. Ein spannendes Miteinander anscheinend konträrer Bildmedien findet seine überzeugende, ästhetische Lösung in diesen Objektskulpturen und Drucken.

Ariane ist zu wünschen in ihrer weiteren Entwicklung diese Konsequenz und Stärke, den Reichtum und die Vielfalt ihrer bildnerischen Fähigkeiten auszubauen und sich einen  Platz in der kulturellen Welt zu schaffen. Das wünschen wir ihr von ganzem Herzen.

 

 

Henry


Rede zu der Ausstellung (08.06. bis 19.06.2013): aus meinem Poesiealbum

 

Liebe Gäste, Liebe Freunde

Im Namen von Jörk Kalkreuter und Henry möchte ich Sie / Euch alle ganz herzlich begrüßen und in diesen schönen Räumen willkommen heißen, an diesem sonnigen Samstag Nachmittag.

Nun, was gibt es zu sehen?

Und – wer ist Henry?

Ich hoffe, es ist erlaubt bei einem Ausstellungstitel, der da lautet – Poesiealbum – und ich glaube, dieses ist mit einem gewissen Augenzwinkern geschehen – einen kleinen Ausflug ins Persönliche zu unternehmen.

Henry, so wie ich ihn sehe, ist ein Mann der Kunst. Nach der Schule begann er eine Lehre im Bereich Bauwesen, wechselte aber bald schon zur Kunst, genauer zum Kunsthandel, wo er sich ausbilden ließ. In jenem großen Auktionshaus in Köln wurde er zunächst mit der alten Kunst vertraut, entdeckte aber sehr schnell seine Liebe zur ostasiatischen Kunst. Nach ein paar Lebenssituationen zog Henry Mitte der 90er Jahre zum zweiten Mal nach Hamburg, arbeitete in und für die Galerie ZEN – Art und ist auch heute wieder bei dem Betreiber dieser Galerie, die es inzwischen nicht mehr gibt, beschäftigt, nämlich bei Dr. Karl Hennig. Dicht an der Kunst.

Seine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst begann bereits in den 70er Jahren. Er wollte verstehen, was das mit der Kunst ist. Das hat ihn nicht losgelassen. Es gab Schlüsselerlebnisse, sogenannte Initialmomente, so. z.B. in der Vorlesung des großen Kunstsammlers Peter Ludwig in Köln und später eine noch viel tiefer gehende Beschäftigung mit kunsttheoretischen Fragen im Rahmen des zweisemestrigen Kontaktstudiums, Kunst nach 45, das Henry hier in Hamburg absolvierte. Seine Abschlussarbeit verfasste er über Astrid Klein, die Grande Dame der Fotocollage, so könnte man sie vielleicht nennen.

Parallel dazu und in großer Kontinuität hat Henry – so im Alter von Mitte/ Ende 20 – als Autodidakt, als Experimentierender, als Forscher, als Suchender in die Kunst hineingestellt, er begann, Kunst zu machen. Ein weites Feld lag da vor ihm, das er gründlich durchdrang, in dem er fast alles ausprobierte. Und immer wieder scheint dabei seine Affinität zur Architektur auf und seine Neigung zu einer intellektuellen Auseinandersetzung mit den Fragen der Kunst selbst. Und noch was… sein Fragen nach dem Sinn. Sein suchen nach dem richtigen Leben.

Henry kommt zu dem Schluss: die Kunst und die Wissenschaft, das sind Schwestern, die gehören in einem Atemzug genannt. Beide wollen die Welt erklären und wollen die Welt begreifen. Und noch etwas wird Henry klar: die Kunst kann helfen. Sie kann bei den großen Fragen des Lebens helfen, denn: sie ist undogmatisch. Und etwas Weiteres zeigt sich ihm: es macht glücklich, den schöpferischen Impulsen in sich selbst nachzugeben. Und sich selbst ein bisschen beiseite zu stellen, und zu sagen: guck mal, das hast du gemacht. Merkwürdig.

Irgendwann hat Henry begonnen, Worte zu sammeln, kleine Sätze, kleine Schätze, kleine Wahrheiten vom richtigen Leben. Vom Sinn. Einiges davon hat sich jetzt zusammengefügt in diesem „Poesiealbum“. Und erinnert uns doch an die Zeit, da man sich damals diese sinnstiftenden Sprüche gegenseitig in das ausgeschmückte Büchlein geschrieben hat.

Wenn Sie dann später – und das tun Sie am besten in ganz kleinen Gruppen – in die Ausstellung hinunter gehen, dann werden Sie in den Arbeiten von Henry sicherlich keine augenfälligen Anspielungen an eine ostasiatische Ästhetik finden, aber doch eindeutig Spuren, die auf das Denke, auf die Philosophien des östlichen Raumes verweisen. Wie beispielsweise die REDUKTION, oder das ZURÜCKNEHMEN. ZURÜCKGENOMMENHEIT. Das EINFACHE, die Verwendung einfacher, fast armer Mittel. Nichts, was sich selbst zu wichtig nimmt. Sie werden Schichtungen von Realitäten auffinden, die einen offenen Deutungsraum anbieten, die uneitel sind. Die sich daraus ergebenen Verhakungen, oder Überlagerungen eben des poetisch-privaten mit dem Urgrund der östlichen Philosophie, beispielsweise eines Konfuzius, geben den gezeigten Objekten ihren zentralen Reiz. Die Atmosphäre, oder das Klima der verwendeten Materialien – das erdverbundene Holz, die Lappigkeit von Stoffbahnen, oder auch das kristalline Glas, alles erfährt in der Art und Weise wie Henry es ins Künstlerische hebt, sozusagen eine Individualität, eine Poesie.

Und das Wundern, das Henry – sehr wahrscheinlich – in diesem Moment selbst ereilt, über das, was er da geschaffen, geschöpft hat, das möchte ich jetzt an Sie weitergeben und Sie herzlich einladen, in träumerischer Weise, vielleicht schweigend – sogar – Ihre Wahrnehmung an die gezeigten Dinge dieser schönen und zu denken gebenden Ausstellung zu heften. Was Sie sehen werden, ist nur ein Angebot. Wie weit Sie es in sich hinein lassen, liegt bei Ihnen.

Ich wünsche Ihnen erbauliche Augenblicke und damit ist die Ausstellung eröffnet.

(Katrin Stender)

 

 

 

Und in mir wächst der Baum (Rilke)

 

Photographien

Frauke Hitzing

 Prolog zur Ausstellungseröffnung am 27.04.2013

 

Liebe Gäste, liebe Frauke,

es ist mir eine große Freude, Dich heute nach längerer Zeit hier wiederzusehen und teilhaben zu können an Deiner künstlerischen Arbeit. Natürlich bin ich nicht sicher, ob ich alles in Deinem Sinne richtig verstanden habe. Aber dann hätten wir nachher eine interessante Diskussion, die uns alle weiterbringt.

und in mir wächst der Baum“ lautet der Titel Deiner Ausstellung. Es scheint ein weiter weg zu sein von Rilke zu Hitzing und zurück via Fotos, versehen mit vielen frage- und Ausrufezeichen…

Ich dachte bei den Worten zunächst an das Bild von Piero della Francesca: Abraham. Aus seinem Grab, genauer aus seinem Kopf wächst tatsächlich ein Baum, ein realistischer Baum. Der steht für seinen Stammbaum. Da kommen wir dem hintergründigen Sinn vielleicht schon einen kleinen Schritt näher. Stammbaum will sagen: Die symbolische Bedeutung von Bäumen ist seit Urzeiten, d.h. seit alttestamentarischen Zeiten und weit davor ein geläufiger Topos.

Hatten doch die Bäume, z.B. bei den Kelten, lebensspendende mütterliche Bedeutung. Heute findet man Literatur über heilende Wirkung von Bäumen, und damit ist nicht nur die Teilhabe an der Sauerstoffproduktion gemeint. Indem Bäume als eigene Lebewesen gefühlt werden, und wir uns als Teil der Natur verstehen, schwindet der Abstand zwischen uns.

Wenn wir uns an einen Baumstamm anlehnen, kann uns das ein sehr angenehmes Gefühl von Geborgenheit vermitteln.

„Am Stamm des Baumes kann sich jeder aufrichten. Hier ist der Ort der Mitte und der Balance“, schreibt Ulrike Schamer. In der Bibel tritt er als „Baum des Lebens“ und als „Baum der Erkenntnis“ auf.

Frauke Hitzing hat sich mit diesen Themen lange und intensiv beschäftigt. Aber ich sehe hier nirgends einen Baum. Oder doch?

ich ging im Walde

So für mich hin,

Und nichts zu suchen,

Das war mein Sinn“,

lautet die erste Strophe von Goethes Liebesgedicht „Gefunden“. Das ist einer unserer Wahlsprüche für die künstlerische Arbeit. Wenn wir uns auf diese Idee einlassen, nichts zu suchen, nichts zu wollen und schon gar nichts zu planen und zu beabsichtigen geschweige denn bewirken zu wollen, stellt sich das ein, was gesagt werden will, ganz von allein. Das, was die Fotografin sieht, zeigt das, was sie bewegt.

Der Maler Max Slevogt sagt: „Das Auge sieht, was es sucht“, und Freud würde ergänzen, dass mit Es selbstverständlich das Unbewusste gemeint ist, die uns lenkende Kraft aus dem Innersten.

In der Wahrnehmung verschmelzen Innen- und Außenwelt. Das wussten auch schon die Chinesen im 13. Jahrhundert:

„In Dir muss etwas sein, das dem der Pflanze etc. entspricht, Du musst den Pulsschlag fühlen, der in Dir und der Pflanze ist, in Dir und dem Baum..“

Diese Worte beziehen sich auf das Zeichen. Aber natürlich ist das übertragbar. Wir und das, was wir sehen, sind eben nicht getrennte Welten, sondern spiegeln einander: Innen und Außen sind austauschbar und bilden eine Einheit. Noch einmal möchte ich den alten Herren bemühen, hat er doch für dieses Phänomen wunderbare Worte gefunden:

„Müsset im Naturbetrachten

Immer eins wie alles achten:

Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,

Denn was innen, das ist außen“, heißt es in einem Epirrhema.

„…und in mir wächst der Baum“… Wer ist ich, wenn in mir der Baum wachsen kann, wenn es keine Grenze zwischen Innen und Außen gibt? Erste Formulierungen von All-Einheit gibt es schon bei Heraklit, sich-mit-allem-eins-fühlen wie gehabt bei Goethe „Im Grenzenlosen sich zu finden/Wird gern der einzelne verschwinden“ und Rilke spricht von „Weltinnentraum“:

Durch alle wesen reicht der eine Raum:

Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still

Durch uns hindruch. O, der ich wachsen will

ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.“

Eine Ahnung vom Wesen dieser „Weltseele“ geben uns die Fotos von Frauke Hitzing.

Das Staunen als aller Anfang der Philosophie beginnt bei dem Gewahrwerden von kleinen Ausschnitten, dem Gesicht eines Baumes, der Rinde, die wie Haut Verletzungen zeigt. Womöglich mutwillige Verletzungen mit einem Messer haben sich als Narben tief eingegraben, aber im Wachsen hat der Baum den Schmerz verwandelt. Mir zeigt sich im Titelbild ein Segelschiff, das im begriff ist, volle Fahrt aufzunehmen. Auf anderen Fotos erinnern Zeichen an geheime Botschaften. Haben doch auch die Kelten schon Zeichen in die Buchen geschnitzt, die uns as Runen überliefert sind. Man meint, ein Raunen zu hören… Manche Fotos erscheinen uns als Projektionsflächen von Bekanntem, poetisch, wie von Geisterhand gemalt: ein japanisches Landschaftsbild, ein Vulkan  und andere, viel genauer als zerfließende Wolkenbilder. Andere erschließen sich nicht so schnell, sind Gleichnisse für Wachstumsprozesse, zeigen Strukturbildung, stehen für das ästhetische Spiel von Form und Farbe in der Natur.

Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie laden uns ein zu verweilen und durch sie hindurch wir durch Fenster in eine poetische Welt zu gehen, in der die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt im Betrachter aufgehoben wird.

Silvia Johannsen, Dipl. Kulturpädagogin und Künstlerin

www.silvia-johannsen.de

 

 

 

Philine Zadow und Mikiko-Anne Feldmeier


Rede zu der Ausstellung (24.02. bis 08.03. 2013): Die Schönheit des Vergehenden

Ich begrüße alle Anwesenden im Namen der Künstlerinnen Mikiko-Anne Feldmeier und Philine Zadow und des Veranstalters Jörk Kalkreuter.

Mein Name ist Ariane Holz und ich habe die Ehre diese Ausstellung mit einer kleinen Rede zu eröffnen und beiden Künstlerinnen für ihre wunderbaren Arbeiten zu danken.

Dies ist die erste Galerieausstellung des Jahres, die ganz dem Medium des Zeichnens gewidmet ist.

Mikiko Feldmeier und Philine Zadow präsentieren darin jeweils eine sehr eigene und ausformulierte Position. Beide Künstlerinnen zeichnet eine ausgeprägte Erlebnisstärke aus. Ein hoher Grad an formal-ästhetischer Durcharbeitung bei gleichzeitiger handwerklicher Präzision. Vergänglichkeit, Tod und Zerfall sind ihr Motiv. Hier findet sich das Vanitas Thema (sei Dir Deiner Vergänglichkeit bewusst), dem beide in sehr verschiedener Weise eindringliche Bildformulierungen abgewinnen, eine gegenwärtige Gestalt. Der Reichtum der Bildfindung ist ebenso beeindruckend.

Wir werden viele Kleinformatige Arbeiten sehen, die mich in ihrer Summe an Naturalien-Kabinette denken lassen. Sie zeigen die Weichheit  des Verfalls von Pflanzen und Blüten, eingebettet in ebenfalls zerfallende Materialien; auf gebrauchten Papieren, ausgemusterten Kartons und anderen Fremdmaterialien, deren Gebrauchsspuren  bzw. Verfalls- Zerfallsstadien bereits fortgeschritten und nicht zu übersehen sind. z.T. mit Stecknadeln flüchtig zusammengesteckt, in ihrer Schichtung wie aufgebahrt, gleich einem Katafalk, der die Schönheit des Vergehenden hervorhebt.

Dem gegenüber steht die metallende Härte des gestorbenen Insektenkörpers, präsent, freigestellt in seiner radikalen Reduktion, großformatig, beeindruckend exakt; höchst zeitaufwendig im Prozess ihrer Herstellung, zeitgenössisch in ihrer pixeligen Wiederauflösung und äußerst ungewöhnlich in der Kombination aus Motiv und altem Handwerk.

Die Verschiedenartigkeit bildet den Spannungsbogen, der diese Ausstellung von zwei so unterschiedlichen Künstlerinnen trägt. Das Thema Vergänglichkeit weckt oft Widerstände; das erinnert werden an das eigene Vergehen oder die Begegnung mit dem eigenen Schatten gehört nicht selbstverständlich in den eigenen Fokus des alltäglichen Erlebens.

Das Mikiko Feldmeier und Philine Zadow dem Tod, dem Zerfall so intensive Erlebnisse abgewinnen können, ohne ins Sentimentale, Plakative oder Gedrückte zu geraten, macht diese Ausstellung umso sehenswerter.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören und gebe weiter an den Gitarristen Kai Stuffel, der Sie mit einer musikalischen Einstimmung auf das Bildthema bereichern wird.

Danach kann dann die Ausstellung in der Galerie angesehen werden. Anschließend ist auch für das leibliche Wohl gesorgt, mit einem Buffet im Kunstatelier.

(Ariane Holz)